S.O.S. – Möwe auf der Donauinsel

Moewe auf der Donauinsel entdecktAm 29.12.2013 erreichte uns über facebook die Nachricht, dass bei einer auf der Donauinsel gesichteten Möwe ein Flügel des Tieres deutlich herab hinge. Im Wasser schwimmend war die Möwe aber unerreichbar für den Finder Georg. Er schickte ein Google Maps Satellitenbild mit der Position der Möwe. Bedauerlicherweise dämmerte es bereits, sodass das Team der Wildtierhilfe Wien nicht mehr ausrückte. Nach Einbruch der Dunkelheit ziehen sich Vögel – verletzt oder nicht – zurück und sind dann nicht auffindbar. Um der Möwe dennoch schnellst möglich zu helfen, machten sich Petra und Denise bereits zum Sonnenaufgang auf den Weg um das verletzte Tier zu suchen. Dank der detaillierten Beschreibung dauerte es keine fünf Minuten bis das Tier gefunden wurde!

Hilfe dringend nötig

Zwar hatten die beiden Pflegerinnen mit einem gebrochenen Flügel gerechnet, im Fall der Möwe war der Flügel aber nahezu abgerissen und wurde nur noch von etwas Haut gehalten. Von beiden Seiten gingen Petra und Denise auf das Tier zu, kesselten es auf diese Weise ein und konnten es mit Hilfe eines Keschers einfangen.

Schnell stand fest, dass der Flügel amputiert werden musste, da ein Teil des herausstehenden Knochen bereits abgestorben war. Die Amputation verlief glücklicherweise ohne Komplikationen. Durch Schmerzmittel und Infusionen durch die Tierärztin konnte das Tier nach der Operation rasten.

Über unsere Kontakte fand sich schnell eine Pflegerin, die mit Artgenossen und Außenvoliere der behinderten Möwe ein schönes restliches Leben schenken kann. Dort befindet sich das Tier nun und erholt sich von den Strapazen.

Moewe auf der Donauinsel mit Kescher gefangenUntersuchung der Moewe auf der Donauinseloffener Bruch

Ist das notwendig?

Wenn sich das Team der Wildtierhilfe Wien dazu entschließt Wildtiere nicht einzuschläfern, sondern kompetenten PflegerInnen in eine artgerechte Pflege zu überstellen, stehen diesem Schritt manche Menschen sehr skeptisch gegenüber. Sie sind häufig der Meinung, dass behinderte Wildtiere in Gefangenschaft keine Lebensqualität hätten und eine solche Haltung Tierquälerei entspräche.

Das Team der Wildtierhilfe Wien hat sehr gute Erfahrungen mit Wildtieren in vorläufiger Gefangenschaft gemacht. Es zeigt sich, dass eine Haltung mit Artgenossen und abwechslungsreicher und entsprechend großer Voliere auch für ehemals frei lebende Wildtiere durchaus ein hohes Maß an Lebensqualität bieten kann. Die Tiere zeigen ihr gesamtes Spektrum an Sozialverhalten, sind normal aktiv und entwickeln keine Verhaltensstörungen, wie sie bei schlechter Haltung sehr schnell (innerhalb von wenigen Tagen) auftreten.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel stellt die Eulen- und Greifvogelschutz Station in Haringsee dar: Unter der Leitung von Dr. Hans Frey ist es gelungen, die stark gefährdeten Bartgeier wieder in den Alpen Österreichs anzusiedeln. Bartgeier, die aufgrund ihrer Verletzungen nicht mehr in die Freiheit entlassen werden können, dürfen dort ihren Lebensabend verbringen. Dank der guten Haltung zeigen diese äußerst sensiblen Tiere aber auch in Gefangenschaft ihr gesamtes Sozialverhalten. Die Nachkommen dieser Tiere werden laufend ausgewildert.

AmputationIn der Natur aufgewachsene Tiere sind von großer Bedeutung bei der Aufzucht anderer Wildtiere. So unterstützen sie häufig als Ammentiere die Aufzucht von verwaisten Wildtieren. Außerdem lernen Tiere von einander: Eine Fledermaus, die während ihres Aufenthalts gelernt hat aus der Futterschüssel zu fressen, lehrt diese Fähigkeit ihren Artgenossen, die sich vorübergehend in Pflege befinden – so ist den PflegerInnen natürlich maßgeblich geholfen und es können durch den geringeren Aufwand mehr Wildtiere versorgt werden.

Dass eine Haltung von Wildtieren in Gefangenschaft funktionieren kann, zeigt auch der Tiergarten Schönbrunn. Dort leben zum Teil Wildfänge – also gesunde, aus der Natur entnommene Tiere. Bei entsprechender Haltung bleiben auch sie psychisch gesund.

Das Team der Wildtierhilfe Wien möchte ganz bewusst nicht entscheiden, welches Tier leben darf und welches nicht. Denn bei genauer Betrachtung stellt sich schnell heraus, dass eine Grenze kaum gezogen werden kann. Sollen Tiere euthanasiert werden, die aufgrund ihrer Verletzung zwar eine Überlebenschance haben, aber wahrscheinlich eine geringere als seine Artgenossen? Wer entscheidet, wie groß die Überlebenschance wirklich ist? Wie sehr darf ein Wildtier eingeschränkt sein, bevor es eingeschläfert wird? So oft hat die Wildtierhilfe Wien Wildtiere versorgt, die von anderen Menschen (TierpflegerInnen und TierärztInnen) bereits für euthanasiewürdig gehalten wurden. In beeindruckend vielen Fällen konnten die Tiere wieder ausgewildert werden.

Die Wildtierhilfe Wien wird stets versuchen auch für behinderte Wildtiere eine artgerechte Lösung zu finden und zieht Euthanasie nur als letzte Option in Betracht.