Auf Besuch in Haringsee

Man könnte es beinahe als kleinen Betriebsausflug bezeichnen, als sich die Wildtierhilfe auf den Weg nach Haringsee macht, um sich die Station des Eulen- und Greifvogelschutzes, geführt von Dr. Hans Frey, anzuschauen und um ganz nebenbei ein paar dicke Igel einwintern zu können, was die EGS für uns dankenswerterweise übernimmt

Ungewöhnliche Freundschaften

Auf Besuch in HaringseeVor Ort angekommen, begrüßen uns Hans und seine beiden Hunde herzlich und Hans nimmt uns sogleich die Igel ab. Danach geht es direkt zur ersten Außenvoliere mit einem richtigen Raben – dem Kolkraben nämlich! Während sich die Hunde genüsslich die Ohren kraulen lassen, erzählt Hans, dass der noch sehr freundliche, einjährige Kolkrabe, der einen tschechischen Fußring trägt und, dass er im Weinviertel von Birgit Prager, der Tierpflegerin der Station, eingefangen wurde. Dort verschlug es ihn in Wohnhäuser, wo er gerne mit den Menschen gespielt hätte. Es stellte sich heraus, dass das Tier leider fehlgeprägt ist. Das ist für den Menschen oft nur solange unterhaltsam, bis das Tier geschlechtsreif wird. Ab diesem Zeitpunkt hört sich die Freundlichkeit nämlich auf und der Kolkrabe wird aggressiv. Da der Kolkrabe an seinem Fundort gerade dabei war mit den Menschen zu spielen und diese vor dem vergleichsweise großen Vogel eingeschüchtert waren, wurde das Tier glücklicherweise abgeholt und lebt nun in Haringsee. Etwa zwei Jahre wird es noch dauern, bis der Kolkrabe seine Geschlechtsreife erlangt hat. Bis dahin freut er sich allerdings, wenn sich Pfleger in Haringsee mit ihm beschäftigen. Weil bei der Anzahl der Tiere aber wenig Zeit bleibt interessante Spiele mit Rabenvögeln zu veranstalten, hat der freche Kolkrabe glücklicherweise einen Freund gefunden, ein beschlagnahmtes Steppenadlerweibchen – kein Artgenosse, aber wer fragt bei echter Freundschaft schon nach solchen Details?

Habichtskäuze im Liebesrausch

Wir gehen weiter, die Hunde folgen uns, und wir werden sogleich von Habichtskäuzen “begrüßt” – nun, das ist wohl das falsche Wort. Das klackernde Geräusch, das die Vögel mit ihrem Schnabel erzeugen, ist Imponier- bzw. Abwehrverhalten. In Wahrheit sind diese Tiere nämlich alles andere als zahm, weshalb sie uns gleich zu verstehen geben, dass sie uns nicht ganz so toll finden wie wir sie. Jeder Habichtskauz hat in den geräumigen Volieren aber ausreichend Platz um sich zurückzuziehen. Damit die Tiere dem Wetter nicht schutzlos ausgeliefert sind, verfügt jedes Gehege über einen Wind und Wetter geschützten Bereich. Alle Volieren sind groß, nämlich dreimal so groß, wie sie laut Gesetz sein müssten. Es wird versucht, Habichtskäuze dafür zu begeistern, sich fortzupflanzen. Mit Erfolg, denn jedes Jahr stehen dadurch 15 bis 20 Jungtiere für ein Wiederansiedelungsprojekt im Wienerwald und Wildnisgebiet Dürrenstein zur Verfügung. In der Brutzeit werden die Tiere möglichst nicht gestört. Die Fütterung erfolgt dann über Schleusen, sodass die Gehege nicht betreten werden müssen. Gelege werden nicht durch die Pfleger, sondern durch Kameras beobachtet.

Ma­jes­tä­tische Tiere in Haringsee

Auf Besuch in HaringseeEs folgen viele weitere Außenvolieren mit vergesellschafteten Habichtskäuzen und einer verletzten Großtrappe. Bald jedoch stoßen wir auf den ersten Adler – einem Steinadler. Großartiges Tier! Aber leider ist das beschlagnahmte Tier aggressiv, versucht jeden Hund zu töten, weil ein gewissenloser Falkner ihn auf Hunde trainiert hatte. In den weiteren Volieren befinden sich je zwei Seeadler – wunderschöne Tiere! Traurig, dass ihr Bestand in Österreich doch sehr dezimiert ist. Ein Seeadler ist leider auch seinen Artgenossen gegenüber so aggressiv, dass er nicht vergesellschaftet werden kann. Beide Tiere wurden in einer Flugschau beschlagnahmt und der Station überstellt.

Hühner, Ziegen, Kaninchen, Meerschweinchen – alle haben ihren Platz!

Wir gehen über ein Stück Wiese und sehen Hühner und einen prächtigen Hahn hinter einem Zaun auf einer weitläufigen Wiese stehen, den Blick auf uns gerichtet. Es scheint fast, als würden sie auf uns warten. Hans öffnet die Türe zu den Hühnern und sofort laufen die beiden Hunde hinein – um die Hühner fürchtend, bleibt uns für einen kurzen Moment das Herz stehen. Doch es stellt sich heraus: Huhn und Hund kennt sich gut! Die Hühner bleiben entspannt, die Hunde tollen ein wenig auf der Wiese und noch bevor wir das ausbleibende Massaker verarbeitet haben, kamen auch schon die ersten Ziegen auf uns zu – auch sie leben in Haringsee. Um uns stehen also plötzlich Ziegen, Hühner und spielende Hunde und man fragt sich, ob so wohl das andere Ende der Regenbogenbrücke aussieht. Die Ziegen wurden ohne Chip herumirrend gefunden, der Besitzer konnte nicht ausfindig gemacht werden, seither sind diese Tiere als lebende Rasenmäher in Haringsee tätig. Gemeinsam mit ihren Kollegen, den Kaninchen und einigen Meerschweinchen, helfen sie dabei das Gras auf dem 12 000 m2 großen Gelände kurz zu halten.

Die Erfolgsstory – der Bartgeier

Auf Besuch in HaringseeNun folgen große Außenvolieren für deren Bewohner der Eulen- und Greifvogelschutz großartige Arbeit leistet: Die Bartgeier. Bartgeier sind in Europa vom Aussterben bedroht. In Zusammenarbeit mit weltweit etwa 40 Tiergärten werden in Haringsee nun Bartgeier gezüchtet, um sie anschließend auswildern und die Alpen, Cevennen und die andalusischen Gebirge wieder besiedeln zu können.

Hier kommen wir zu einer sehr kritischen Frage: Haben Tiere überhaupt eine Chance zu überleben, wenn sie in Volieren vermehrt und durch Menschenhand in ihr ursprüngliches Habitat eingegliedert werden, in dem sie zuvor selbst ausgestorben sind?

Der Bartgeier verdankt seine Ausrottung, wie so oft, dem Handeln der Menschen. Zu unrecht als gefährliche Tiere verurteilt, wurde dem angeblichen Kinder- und Lämmerräuber der Garaus gemacht. Ein Bartgeier ist jedoch ein spezialisierter Aasfresser und frisst, was an totem Tier nach Verzehr durch andere fleischfressende Tierarten übrig bleibt, Knochen, Haut und Sehnen. Durch Aufklärung und der Einsicht, dass der Bartgeier nicht an Kind und Lamm interessiert ist, wird das Tier heute kaum mehr verfolgt. Sein ursprüngliches Habitat, die Alpen, kann er daher wieder bewohnen. Bis heute konnten allein in Haringsee rund 200 Bartgeier erfolgreich aufgezogen werden, weitere 200 in den Zoos und anderen Zuchtzentren in ganz Europa. Ein Teamwork, wie man es selten antrifft: Involviert sind dabei die Station Haringsee, die Veterinärmedizinische Universität, die Zoologische Gesellschaft Frankfurt, das Umweltministerium, Nationalparks und Schutzgebiete, sowie der WWF Österreich. Die Vulture Conservation Foundation (VCF) ist Eigentümer der Vögel und koordiniert das Gesamtprojekt, die Koordination des Zuchtnetzes erfolgt im Rahmen eines EEP`s, ein Zuchtprogramm der Zoos zur Erhaltung und Vermehrung besonders bedrohter Tierarten.

Auf Besuch in HaringseeDas Projekt zur Wiedereinbürgerung startete 1978. Im Jahr 1986 wurde der erste nachgezüchtete Bartgeier im Nationalpark Hohe Tauern freigelassen, weitere 200 Jungvögel folgten bis jetzt– sie wurden auf mehrere weitere Freilassungsorte aufgeteilt. Der erste im Freiland geschlüpfte Vogel wurde 1997 entdeckt. 2013 existieren bereits nachweislich 23  Brutpaare, die in diesem Jahr 16 Jungtiere zum Ausfliegen brachten! Seit 1987 flogen in den Alpen bereits 200 im Freiland geschlüpfte Junggeier erfolgreich aus, viele darunter bereits in zweiter Generation. Wenn man darüber hinaus bedenkt, dass eine Bartgeier-Dame hochgradig wählerisch ist – etwa 10  potentiellen Artgenossen sind notwendig zur Bildung eines Brutpaares – dann kann man fast nicht glauben, dass solche Erfolge überhaupt möglich sind.

Es dauerte bis jetzt 36 Jahre, um den Vernichtungszug gegen Bartgeier wieder ein kleines Stück gut machen zu können. Und noch immer ist dieses Vorhaben nicht abgeschlossen, denn eine Vernetzung mit benachbarten Populationen in den Pyreneen und auf Korsika ist notwendig um durch Genfluss auch das langfristige Überleben dieser Art in Europa zu sichern.

Unsere Führung geht weiter. Wir biegen ab und gehen an einem besonderen Gehege vorbei – in diesem Gehege brütet gerade das erste Paar stolzer Bartgeier in dieser Saison.  Sehr früh, denn Bartgeier sind Winterbrüter. Nur so können sie das reichhaltige Nahrungsangebot in Lawinen im Frühjahr für die Aufzucht der Jungvögel ausnützen. Wir können wahrscheinlich gar nicht im gesamten Umfang erfassen, welches besondere Naturschauspiel sich hier abspielt. Um die Tiere nicht zu stören, versuchen wir so leise, wie möglich, an der Voliere vorbeizugehen. Hans führt uns zu einem kleinen Teich, indem Sumpfschildkröten gezüchtet werden – ebenfalls bedrohte Tiere. In Zusammenarbeit mit den Tiergärten wird auch hier versucht den Bestand zu stärken. Rechts vom Teich befindet sich viel Gestrüpp, ein großer Erdhaufen und Gehölz – ein Misthaufen? Keinesweges! Eine natürliche Unterkunft für Molche, Kröten und sonstige Amphibien, die sich in Haringsee zuhause fühlen, wird hier bereitgestellt.

Auf Besuch in HaringseeSchön langsam schließt sich die große Runde durch die Station. Wir gehen noch weiter an Krähen- und Bartgeiervolieren vorbei bis wir wieder am Haus angelangt sind. Noch gäbe es die Volieren für Elstern, Kleineulen und Falken zu sehen, doch sind wir schon so durchgefroren, dass wir uns mit Hans auf einen Tee in die Küche setzen. Dort tratschen wir noch freudig mit Hans und seiner Frau bis das Telefon klingelt und unseren Besuch abbricht: Die Wildtierhilfe Wien wird wieder in Wien gebraucht, eine Fledermaus muss aufgenommen werden.

Uns von der Wildtierhilfe Wien ist es eine ganz besondere Freude, mit der EGS zusammenarbeiten zu können – wir bemühen uns nach bestem Können, uns gegenseitig zu unterstützen.

Quelle: